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ORWOhaus – Off the beaten track

Einen klassischen Proberaum kennt man so: dreckig, vollgestopft und irgendwie müffelnd. Man bleibt unter sich. Das ORWOhaus in Berlin-Marzahn tut mehr für die Musiker, als ihnen nur die Miete abzuknüpfen.

Eric übernimmt die Kulturleitung im ORWOhaus. Ein Gespräch in den Büroräumen des riesigen Komplexes an der Landsberger Allee.

Eric, wie versteht ihr eure Aufgabe innerhalb der Berliner Musiklandschaft?

Eric: „Zuallererst und vordergründig stellen wir Strukturen bereit, um das Musikmachen zu ermöglichen. Daneben versuchen wir für Bands – nicht nur aus dem Haus sondern stadtweit – als Veranstaltungsort und Aufnahmeräume aufzutreten. Wir haben uns geöffnet, sodass wir nicht mehr ausschließlich Bands, sondern z. B. auch Theatergruppen im Haus haben.

Ansonsten haben wir unterschiedliche Angebote für Musiker: Es gibt einen Schlagzeugbauer, ein paar kleinere und ein größeres Studio. So versuchen wir die Infrastruktur zu bündeln. Perspektivisch gesehen gehört dazu auch Labelarbeit. Da tasten wir uns langsam ran und versuchen, einen Rahmen zu finden.“

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Wie leistet ihr die Arbeit personell?

Eric: „Personell sind wir knapp aufgestellt. Das ORWOhaus lebt davon, dass sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Auch diejenigen, die wie ich in Teilzeit angestellt sind, arbeiten nicht ihre Zeit ab, sondern sind oft viele Stunden darüber hinaus hier und helfen mit. Nur so lässt sich beispielsweise das ORWOhaus-Festival organisieren. Wir wollen, über den Zweck der Bereitstellung der Räume hinaus, gemeinnützig für den Bezirk da sein.“

Was unterscheidet euch konkret von anderen Proberäumen in der Stadt?

Eric: „Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass dieser Verein vor über zehn Jahren aus der Eigeninitiative der Musiker heraus entstand. Ich würde behaupten, dass 95 Prozent der Mitglieder im Vorstand aktive Musiker sind. Das ist aber keine Grundvoraussetzung für den Verein. Die Leute sind in jedem Fall Musikliebhaber.“

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Ihr feiert dieses Jahr 10 Jahre ORWOhaus-Verein: Worauf seid ihr besonders stolz?

Eric: „Ich bin eher der Frischling unter den ORWOhauslern und seit zwei Jahren dabei. Ich schätze, der wichtigste Meilenstein war die Freigabe des Geldes, um das ORWOhaus zu renovieren und betriebssicher zu machen. Dadurch wurden die Bestrebungen des Vereins von offizieller Seite gedeckt.“

Wenn ihr in die Zukunft blickt: Was soll der nächste Meilenstein werden?

Eric: „Das nächste größere Projekt wird der Ausbau der alten Werkhalle. Damit entsteht noch einmal ein größerer Veranstaltungsraum im ORWOhaus. Den zu kultivieren, gehört natürlich auch zu dieser Aufgabe.“

Zu deiner Person: Was hat dich bewogen, beim ORWOhaus mitzumachen?

Eric: „Ich hatte das Haus schon länger auf dem Schirm. Zum einen war es für mich interessant, da ich in Marzahn aufgewachsen bin. Ich fand es spannend zu beobachten, wie sich hier ein Community erhebt und Flagge zeigt für Musik mit Kante. Zum anderen habe ich mich für eine der Sessions beworben, konnte hier auftreten und habe sogar Studioaufnahmen gewonnen. Nach ein paar weiteren Auftritten im ‚Backstage‘ bin ich immer mehr an die Leute rangekommen. Irgendwann war ich dann auch in meiner Freizeit hier und habe geholfen. Es dauerte nicht lange, bis ich gefragt wurde, ob ich die Stelle der Kulturleitung weiterführen möchte.“

Wie sieht ein normaler Arbeitstag im ORWOhaus für dich aus?

Eric: „Auf dem Papier bin ich jeden Tag von 10 bis 16 Uhr hier. In der Regel tauche ich zehn Minuten später auf (lacht.) und gehe ein paar Stunden nach der Zeit. Ich bereite Veranstaltungen vor und nach, kümmere mich um logistische Sachen, plane das große Festival im Sommer und stoße eigene Ideen an. Zu tun gibt’s genug.“

Und welches Instrument spielst du? Hast du eine musikalische Präferenz?

Eric: „Es ist wahrscheinlich leichter zu sagen, was ich nicht spiele. (lacht.) Ich spiele Gitarre, Bass, und singe. Ab und zu setze mich auch ans Schlagzeug, wenn irgendwo eins frei ist. Ich spiele aktuell in ein paar Bands Blueskram, bin aber für jede Schandtat zu haben.“

Ihr bietet seit ein paar Jahren ein Bandbüro an. Was macht ihr dort konkret?

Eric: „Genau, wir sammeln Kontakte zu Druckereien, CD-Presswerken etc. Wir helfen Bands bei grundständigen Fragen, die immer wieder auftreten: Wie melde ich mich bei der GEMA an? Wie organisiere ich mein erstes Konzert? Wie muss die Internetseite aussehen?“

Lohnt sich das Angebot bisher?

Eric: „Schwer zu sagen. Viele machen ihre Erfahrungen gerne selbst. Das kann ich nachvollziehen. Ich habe auch immer wieder einfach geschaut, was geht und wo ich mit dem Kopf durch die Wand komme. (lacht.) Das entspricht irgendwie dem Geiste des Hauses. Nichts anderes haben wir mit der Vereinsgründung gemacht.“

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Welche Genres trifft man im ORWOhaus an?

Eric: „Metal und Stoner Rock sind im ORWOhaus sehr präsent. Punk ist auch stark vertreten. Man hört schon viel Gebolze und Gebrülle, wenn man hier durchs Haus durchgeht. (lacht.) Es gibt ein paar elektronische Projekte und eine klassische Sängerin. Wir haben in der Werkstatt eine Lebenshilfegruppe mit körperlich und geistig behinderten Menschen. Die machen Musik und sind letztes Jahr zum Beispiel auch auf unserem Festival aufgetreten.“

Gibt es auch mal Streit unter den Bands im Haus?

Erich: „Die Erfahrung habe ich bisher nicht gemacht. Es gibt Reibungspunkte, wenn z. B. Räume untervermietet sind und die Parteien irgendwann nicht mehr miteinander klarkommen. Dann helfen wir, eine Lösung zu finden. Ich empfinde das Klima aber als sehr kollegial. Selbst wenn man sich mit dem, was der andere künstlerisch macht, nicht anfreunden kann, lässt man das nicht raushängen.“

Kannst du mir 3 Dinge nennen, die es nur in Proberäumen gibt?

Eric: „Ganz klar: Ein Stillleben aus Bierflaschen. Wahrscheinlich mehr tote Technik als in jedem Lötschuppen der Stadt. Und wenn’s ganz schlimm kommt: Viele tote Fliegen. (lacht.) Wenn man von der Einrichtung weggeht, dann ist es die Möglichkeit laut zu sein. Ich wüsste nicht, wo ich die sonst hätte. Gerade bei uns gibt es keine zeitliche Beschränkung für die Musiker. Sie können morgens um 1 Uhr anfangen, wenn sie das wollen.“

Wenn ihr unendlich viel Geld und Zeit zur Verfügung hättet, was würdet ihr gerne noch anbieten im ORWOhaus?

Eric: „Wenn das alles keine Rolle spielen würde, hätten wir das Label schon längst aufgebaut. Damit könnte man am meisten helfen. Es gäbe die Vertriebsstrukturen und wir könnten die Bands und Musiker unabhängig von Budgets quer durchs Land schicken.“

Konntet ihr schon Bands an ein Label vermitteln? Kommen externe Anbieter auf euch zu und fragen nach jungen Talenten?

Eric: „Wir schicken regelmäßig Künstler aus dem Haus in die Alte Börse nach Marzahn. Es gibt private und geschäftliche Anlässe für die bei uns Musiker angefragt werden. Die Internationale Gartenausstellung hat mal über das ORWOhaus Künstler gebucht. Ich versuche Kontakte zu knüpfen, um Bands vermitteln zu können. Dabei hilft es mir, dass ich selbst Musiker bin.“

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Dein Lieblingsclub in der Stadt?

Eric: „Momentan ist das für mich ganz klar das White Trash. Nicht ganz billig, aber das Essen ist sehr lecker und die haben eigentlich immer interessante Bands am Start. Ein leicht dekadenter Rock’n’Roll-Abend. Das Astra und das Lido finde ich vom Booking und der Atmosphäre her sehr schön.“

Eine Lieblingsband aus Berlin, auf die du voll heiß bist?

Eric: „Gerade voll heiß sind Rotor. Ich bin schon lange Fan und freue mich jetzt quasi für sie hier im Haus tätig sein zu können. Beachtlich, wie sie sich entwickelt haben. Dicker Sound!“

Was erwartet uns auf dem ORWOhaus-Festival dieses Jahr?

Eric: „Es gibt drei sehr interessante Revivals in diesem Jahr: Die Bands Dropped, Regatta 69 und Exopan werden wieder spielen. Sie haben einen Bezug zur Geschichte dieses Hauses. Wir haben noch ein paar weitere spannende Sachen, dazu will ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nichts verraten.“

Was würdest du dir für die Berliner Szene wünschen?

Eric: „Mehr Kollegialität. Ich merke oft, dass sich die Leute das kleinste Stückchen Brot neiden, im übertragenen Sinne. Sie haben noch nicht begriffen, dass sie viel mehr erreichen können, wenn sie sich gegenseitig helfen. Das heißt, gemeinsame Auftritte organisieren oder ganz locker zusammen Quatsch machen, ohne dass sich jemand auf Teufel komm raus profilieren muss. Man macht die gleiche Sache und steht auch für sie ein! Warum nicht gemeinsam?“


 

ORWOhaus Seite: http://orwohaus.de/

ORWOhaus Facebook: https://www.facebook.com/orwohaus

ORWOhaus-Festival Seite: http://orwohaus-festival.de/

Vielen Dank für das Interview!

 

Alle Bilder: © Eric Hölzel

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