Loffi – About the freedom of simplicity

Ein ganzes Leben gewidmet einer einzigen Sache: der Musik. Sie zu spielen, zu veranstalten, abzufeiern und immer wieder aufs Neue zu entdecken. Loffi erzählt aus diesem Leben.

An einem Donnerstagabend in Berlin-Friedrichshain: Gerade haben USNEA ihr Set im hinteren kleinen Raum des Fischladen beendet – drückender, fieser Sludge, der einem die Ohren klingen lässt. Ich gehe zwischenzeitlich raus, mich plagen Ohrenschmerzen. Loffi ist ganz vorne im Publikum dabei. Er gehört zur DIY-Szene wie die DIY-Szene zu seiner Persönlichkeit. Jeder kennt ihn: Irgendwas in den Vierzigern, über 1,90 Meter groß, schlank, kurze blond gefärbte Haare, ein breites Grinsen und eine unbändige Energie, die sofort auffällt. Wir setzen uns nach dem Konzert auf die alten Kinostühle im Billardraum und erzählen – wie Bekannte. Er ist offen und begegnet mir ohne Hemmungen. Er wirkt eher neugierig, vielleicht ein bisschen aufgeregt. Es ist sein erstes Interview in eigener Sache. Ohne dass man über eine seiner Bands sprechen möchte: Cyness, Crowskin oder Cancer Clan. Aber er lässt sich ohne zu zögern darauf ein. Was habe er schon zu verlieren.

Loffi Gesang

Die Gemeinsamkeit finden

Auch wenn ihn scheinbar jeder im Berliner Untergrund kennt. Ihm selbst passiert es immer wieder, dass er Namen nicht den Gesichtern zuordnen kann: „Das ist meine absolute Schwäche“, gibt er lächelnd zu. „Manchmal ist mir das auch unangenehm. Aber letzten Endes bedeuten Namen nichts und das Verbindende mit der Person ist wichtig!“ Mit Loffi verbindet man nicht nur sein charakteristisches Äußeres, sondern auch diverse Bandprojekte, die er bereits seit 20 Jahren in und um Potsdam hochzieht: „Die erste Band war Crude B.E., dann Cyness und Crowskin mit Ulla und Alex. Als es mit Crude B.E. in die Brüche ging, haben die Basserin und ich Cancer Clan gegründet.“ Warum alle Bands mit „C“ beginnen, wird er öfter gefragt. Erklären kann er es nicht, aber es amüsiert ihn: „Die anderen von Crude B.E. haben, während ich in Afrika war, eine neue Band aufgemacht – Chainbreaker. Die Leute haben alle miteinander eine Verbindung. Vielleicht ist das die Erklärung für das C am Anfang. Dass man den Spirit weitertragen will. Aber da interpretiere ich vielleicht mehr rein, als es wirklich ist. Eine Band braucht eben einen Namen. Das ist heutzutage schwer. So viele Namen sind vergeben und du willst was Eigenständiges haben. Da gibt es keinen großen Masterplan! Das ist nur ein netter Zufall!“, lacht er. Heute gehört noch Crowskin in die Reihe dieser Bands. Anfangs mit Alex am Gesang, seit letztem Jahr mit Ulla. So lebt der Spirit weiter.

Cyness 2016 | © privat

Cyness 2016 | © privat

In besetzten Häusern mit allen Mitteln

Seine musikalischen Wurzeln liegen im Punk. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, war es für ihn nicht leicht, an neue Musik zu gelangen. „Dead Kennedys, Vorkriegsjugend, Slime, Daily Terror – das sind meine Roots. Metal kam erst später. Ich konnte mit dem cleanen Gesang nichts anfangen. Das hat mich abgeschreckt, da mir dort die Aggression fehlte“, resümiert er den Ursprung seiner musikalischen Entwicklung. Sein älterer Bruder war ihm eine Hilfe. Von ihm konnte Loffi Punkkassetten überspielen. Im Radio kam ja nur Standardmusik: „Radiomusik habe ich gehasst. Die war allgegenwärtig und man konnte ihr nicht entfliehen. Überall die gleiche Musik. Punk war da für mich die Rettung. […] Im Radio gab es Ende der 80er Jahre auf dem Sender DT 64 das ‚Parocktikum‘. Für zwei Stunden wurde dann Deutschpunk gespielt, auch viel DDR-Punk. Darauf hat man sich gefreut. Das war einzigartig. Schallplatten waren auch Mangelware. In der Bibliothek konnte man sich damals nur so was wie ‚Highway to Hell‘ von AC/DC auf Kassette ziehen. Daneben gab’s von der ersten Dead Kennedys-Scheibe eine Polenpressung. Das war’s.“

Mitte der Neunziger zieht Loffi ins Boumann’s, ein besetztes Haus im Potsdamer Holländerviertel. Hier beginnt das, was man als die Entfaltung einer eigenen Persönlichkeit bezeichnen kann. Gemeinsam mit einer Handvoll Menschen organisiert er mit einfachsten Mitteln Konzerte. Freunde machen den Einlass, kochen oder schmeißen die Bar. Die Bands lässt er gegen die Tür spielen. Die Shows sind ekstatisch, der Plan geht auf: Eine richtig geile Zeit, mit möglichst wenig Tamtam. Bands und Publikum sind glücklich und kommen fortan immer wieder zu seinen Shows.

Das Boumann’s gibt es schon lange nicht mehr, heute lebt er im Archiv in Potsdam, aber dieses Prinzip verfolgt er noch heute: „Es gibt natürlich Bands, die fordern Festgagen. Denen mache ich von vornherein klar, dass sie sich einen anderen Laden suchen müssen, falls es ihnen wichtiger ist, Geld zu verdienen. Mein Gefühl ist, dass Bands sehr oft dankbar sind, auch in kleinen Läden unter DIY-Bedingungen zu spielen, weil sie ein geiles Konzert erleben. Klar, sie kriegen in einem anderen Laden vielleicht dreimal so viel Geld und eine aufgeblasene Show. Bei der stehen dann aber alle gelangweilt in der Ecke rum. Als Beispiel: Vor vier Jahren haben wir Wolfbrigade gemacht. Es kam gerade die neue Platte raus und alle anderen Konzerte auf der Tour waren große Dinger. Die einzige kleine Show war bei uns im Black Fleck. Das war irre! Das hat denen so viel Spaß gemacht! Sowohl dem Publikum, das teilweise echt weit angereist war, als auch der Band.“

Cancer Clan-Loffi | © privat

Selbst kam er durch Freunde zum Musikmachen. Im Keller einer Musikschule standen Überreste eines Schlagzeugs, das von einem, der in den Westen abgehauen war, zurückgelassen wurde. Es fehlten die Beckenständer, also improvisierte Loffi: „Ich habe mir die Becken mit Strippen von der Decke gehangen. Das war ein bisschen gefährlich, wenn die zu pendeln anfingen.“ Er lacht: „Man musste sich zu helfen wissen, aber man hat es einfach gemacht! Das war wohl diese Punksozialisation, die einen da erfinderisch werden lässt.“

 

Westsahara 2002 | © privat

Westsahara 2002 | © privat

Mit dem Fahrrad nach Afrika

Wenn er seine Energie nicht in die Musik steckt, fährt er Fahrrad. Teilweise führt ihn diese Leidenschaft weit weg. Einmal ist er mit dem Fahrrad von Potsdam nach Zentralafrika gefahren. Er wollte den Kilimandscharo sehen. Leider schaffte er es nur bis Gabun. Die Malaria wollte es unbedingt wissen, bereits zum dritten Mal. Als der Patient im Bett neben ihm an dergleichen Erkankung starb, die auch Loffi gerade heimsuchte, war für ihn klar: „Ich habe verdammt viel gesehen: Bin durch die Sahara gefahren, den Dschungel, aber ich wollte meinen Kumpels zuhause noch davon erzählen können!“ Also kehrt er heim. Und steht zehn Jahre später schließlich auf dem Gipfel des Kilimandscharo.

 

Was einen antreibt

Auf die Frage, ob er jemals daran gedacht habe, keine Konzerte mehr zu organisieren und einen Gang runterzuschalten, antwortet Loffi entschieden: „Absolut nicht! Das ist ja mein Leben!“ Das Reisen – ob nach Afrika, Mittelamerika oder mit dem Paddelboot die Elbe rauf – sei wichtig, um ihn wieder zu erden. Das Drauflosfahren ohne Plan, das sei das Geile. „Die absolute Freiheit!“, schmunzelt er. So könne er seinen Horizont erweitern, sich alles anschauen, worauf er Lust hat, aber am Ende des Tages kehre er immer wieder gern nach Potsdam zurück. An Potsdam schätzt Loffi vor allen Dingen die Freiheiten, die es zum Beispiel in der Nachbarstadt Berlin nicht gibt. Man könne leicht was organisieren und finde immer wieder Menschen, die sich begeistern lassen, mitzumachen. Über Berlin sagt er: „Ich glaube, in Berlin würde ich irgendwann zu viel kriegen von allem. Das ist mir ein Stück weit zu groß, zu unpersönlich, zu hektisch. Die Stadt schläft nie. Das würde mir nicht gut tun. Ich merke auch bei Freunden, die nach Berlin ziehen, dass sich irgendwann die Ernüchterung einstellt. Am Anfang sind sie euphorisch. Dann merken sie, dass es beliebig ist. Egal, ob sie dabei sind oder nicht, es geht immer weiter. Die meisten von ihnen kommen aus kleineren Städten, in denen die Szene an viel weniger Leuten hängt. Wenn da mal einer nichts macht, dann geht auch nichts. Wenn du in Berlin nichts machst, geht es einfach genauso weiter wie vorher.“

Herzenskonzerte und andere Favoriten

Das Konzert, das Loffi immer im Gedächtnis bleiben wird, war Dropdead im Boumann’s im Jahr 1996. Der Gig war der Tourabschluss der US-Hardcore Punker. „Dropdead haben damals alles aufgegeben, um auf Tour gehen zu können. Sie hatten keinen Job, keine Wohnung mehr. Sie mussten bei null anfangen, als sie fertig waren mit der Europatour. Das fand ich eine krasse Heransgehensweise ans Musikmachen, unheimlich radikal. Das Konzert selbst war der totale Hammer: Wohnzimmeratmosphäre und dann das totale Geballer.“ Aber bleiben nach so vielen Jahren und so vielen selbst organisierten Konzerten überhaupt noch Wünsche unerfüllt? – Ja. „Ich würde total gerne mal Napalm Death nach Potsdam zurückholen. Das erste Mal habe ich sie an meinem 20. Geburtstag zusammen mit Motörhead und Entombed live gesehen. Das vergesse ich nie! Danach waren sie nur noch einmal in Potsdam, zusammen mit Nasum, im Jahr 2000. Ich finde, es wird mal wieder Zeit, dass sie nach Potsdam kommen“, lacht er herzlich. Loffi fühlt sich in fast jedem Genre der härteren Gangart zuhause. Und das, ohne eines davon zu vernachlässigen. Diese unbändige Neugierde auf das Unbekannte zieht sich durch jede Faser seines Lebens.

Brutal Truth 2013 | © privat

Brutal Truth 2013 | © privat

Wenn man ihn noch nach seinen Favoriten fragt, nennt er die alternativen Läden La Datscha, U-24 und Black Fleck in Potsdam. Seine musikalische Empfehlung aus der Region ist wiederum nah an seiner eigenen Geschichte: „Nuclear Cult, da ist der erste Cyness-Drummer am Start. Die machen die extremste Form von Hardcore-Punk, die es so gibt, Songs ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.“ Auch beim Lieblingskünstler weiß er sofort, wen er empfehlen kann. Echos Oratos, der schon das Layout für die Cancer Clan-LP entwarf, habe es raus, findet Loffi. Das kann man wohl auch über ihn selbst sagen. Loffi weiß, was er will und wer er ist. Und ist dabei so sympathisch wie kein Zweiter. Nach gut zwei Stunden trennen sich um drei Uhr nachts unsere Wege. Seine Kumpels wollen los, zurück nach Potsdam.

 

Vielen Dank für das tolle Interview!

 

 

Titelbild: © privat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s