Jockel – Brothers in Grind

Jockel ist so etwas wie der bunte Hund der Berliner Grind-Szene: Jeder kennt und liebt ihn. Doch ohne seinen Bruder Fritze wäre es vielleicht ganz anders gekommen.

Rebellion gegen die anderen

Aufgewachsen sind die Beiden im Ostberliner Stadtteil Pankow. Als sich die Grenzen öffneten, steckten Jockel und Fritze gerade in der Pubertät. Harte Gitarrenmusik schwappte nach und nach in die Lebensrealität der Brüder. Doch damit waren sie auf dem Pankower Schulhof ziemlich alleine: Techno war groß in den 1990ern im Osten, Metal kaum ein Thema. Und so fingen sie zu zweit an, hörten erst Grunge, dann Metal – von Nirvana über Motörhead und Slayer zu Napalm Death. Immer weiter drehte sich die Spirale in Richtung Extreme Metal. Sie waren eingeschworen – als Brüder, aber auch als Metal-Fans. Bruder Fritze holte mit der Zeit weitere Kumpels ins Boot, in Jockels Jahrgang fand sich kein weiteres Metaller-Material. Aber das fanden die beiden gar nicht so schlecht. Dieses Anderssein macht in der Pubertät ja auch irgendwie Spaß: sich durch Musik und Subkultur abgrenzen zu können, ist nie wieder so reizvoll wie in Teenagerjahren.

„Für uns war es also auch eine Rebellion gegen die anderen irgendwie. Damit konnten wir uns ein bisschen abkapseln und eine Individualität entwickeln. Wir sind auf Konzerte gegangen, haben Leute kennengelernt und uns durch Musikzeitschriften und sowas wie dem Nuclear-Blast- oder EMP-Katalog gegraben. Das Internet gab es ja damals nicht. Dadurch haben wir immer mehr Ahnung gehabt und auch noch am Tape-Trading teilgenommen und unsere ersten Festivals besucht“, fasst Jockel den Einstieg in die Szene zusammen.

Ohne seinen Bruder Fritze wäre Jockel also vielleicht auch einer von den Technoten geworden, hätte keinen Gedanken an Musik verschwendet, die er auch heute noch lebt und liebt. Von der er mittlerweile sogar leben kann. Aber dazu kommen wir noch.

Necromorph 2012_Gritty Mag

Necromorph 2012 (Bruder Fritze im Vordergrund)

Lehrjahre

Jockel begann nach der Schule die Lehre zum Elektroinstallateur, musste aufgrund einer Erkrankung der Hüfte ruhig machen und suchte sich ein passendes Hobby. Er wollte Bass spielen: „Das hat mir immer gefallen, weil das Instrument so schön tief und brummig war. Schlagzeug war mir zu aufwändig und Gitarristen sind ja manchmal so Ego-Schweine, das passte nicht zu mir“ lacht der 2-Meter-Mann herzlich.

Er wollte nicht nur Musik machen, sondern auch Konzerte spielen. Also machte er sich einfach selbst ran und organisierte. Dabei blieb er und hat so im Laufe der Jahre einen ganzen Haufen Shows veranstaltet und sich einen Namen in der Szene gemacht. Sein Organisationstalent hilft ihm auch in seiner hauptberuflichen Arbeit: Er ist heute Bandmanager von Ost+Front, einer bekannten Berliner Band der Richtung Neue deutsche Härte.

Mit Steffen in der Amnesie | ©privat

In seinen Zwanzigern ging Jockel in Berliner Schuppen, die bis heute sinngebend für die Szene sind: der Knaack Club, das alte Magnet in der Greifswalder Straße oder ins Black Point, dem Vorgänger vom Access. Auch im SO36 und im alten Huxley’s sah er Shows. In letzterem erlebte er sein erstes Metal-Konzert: Sepultura, 1993, zusammen mit Paradies Lost. „Beneath the remains“ war dann auch neben Napalm Deaths „Scum“ eine der ersten beiden CDs, die sich Jockel vom ersten Lehrgeld zulegte – ohne überhaupt ein entsprechendes Abspielgerät zu haben! Aber Hauptsache, die Musik war gesichert.

Neuen Input für Musik bekam er über Metalzines und Mailorders, z. B. von Folter Records. Selbst in ihrer Black-Metal-Zeit in den frühen Zwanzigern hätten die Grind-Brüder versucht, nebenher immer noch anderes Zeug zu hören: Brutal Truth, Cannibal Corpse oder Deicide. Teilweise hatte Folter Records auch Grindcore im Angebot, sodass sie neben Black Metal auch an solche Sachen kommen konnten.

Necromorph – Under a grind flag

„Mit 16 Jahren habe ich angefangen, Bass zu spielen. 1995 haben mein Bruder und ich Necromorph gegründet.Die ersten Konzerte waren dann bereits 1996 / 1997. Wir haben immer die Musik gemacht, die wir auch gehört haben. Das ging dann eben zuerst in die Richtung fieser norwegischer Black Metal. Am Anfang, beim dritten oder vierten Gigen, war Necromorph auch geschminkt“, berichtet Jockel mir, auch wenn ich mir das persönlich nur schwer vorstellen kann.

Necromorph_1996

Necromorph | © privat

Ihm sei dabei immer klar gewesen, dass er die Band mit seinem Bruder Fritze machen wollte: „Das Gute an einem Bruder ist, dass man nicht viel miteinander reden muss. Da reichen manchmal auch zwei Worte und dann ist es gut.“ Gemeinsam entwickelten die Beiden ihre musikalische Präferenz von Black Metal über Death Metal hin zu Grindcore. Vorbei sind die Zeiten von Corpsepaint und Speerspitzen-Black-Metal, heute regiert König Grind.

Jockel_Schmiede 1996_Gritty Mag

Jockel Schmiede 1996| ©privat

Das hört man auch im Songwriting von Necromorph und kann es gleichfalls in der Bühnenshow sehen: Fritze heizt als Sänger wie ein Wildgewordener über die Bühne, während Jockel, Ulf, Micha und Karl sich um Kopf und Kragen spielen. Einen entscheidenden Einfluss für sein Spiel und das Songschreiben bei Necromorph rechnet Jockel übrigens auch seiner Zeit als Bassist für Secretum an.

Necromorph OEF 2012

Necromorph OEF 2012 | ©privat

Für ihn sei Necromorph so etwas, wie eine Raupe, die sich durchs Blattwerk nage, meint Jockel. Stetig weiter. Es dauere zwar immer vier oder fünf Jahre, bis ein neues Album erscheine, aber das sei eben so, schließlich seien sie eine Hobbyband, findet er. Dadurch, dass es im Grindcore keine wirklichen Wiederholungen gibt, sei neues Material relativ schnell verbaut und neue Riffs für Necromorph bräuchten ihre Zeit. Aber besonders viel Spaß haben Necromorph anscheinend eh an Live-Auftritten: „Hanschi meinte, er hätte uns schon 38 Mal gesehen und wir seien die Band, die er am häufigsten live gesehen hat. Aber wir machen einfach weiter“, lacht Jockel optimistisch.

Den Grind feiern

Dass sich mit Grindcore kein Reichtum anhäufen lässt, kann auch Jockel nun schon seit einigen Jahren bestätigen. Er hat diverse Konzertreihen organisiert, z. B. Mosh Up oder zuletzt das Berlin Grindfest, zusammen mit Leif, Robert und Tobi, die letzten Beiden sind Mitglieder der Berliner Grinder Violent Frustration. Nichtsdestotrotz macht er diese Shows mit viel Freude und Hingabe. Immerhin liegt ihm viel an dieser wilden rohen Musikrichtung, die die Zustände anprangert und in ihrer ungeschönten Brutalität zum Ausdruck bringt:

„Es ist irgendwie der Trieb, diese Szene und die Musik, die man selbst so mag, am Leben zu erhalten. Damit die Leute nicht vergessen, auf Konzerte zu gehen! Und um Bands zu unterstützen, die was Ähnliches machen wie deine eigene Band. Auch wenn das jetzt ulkig klingt, hat man immer ein bisschen das Gefühl, wenn man nichts macht, würde halt keiner was machen. Das wäre schade.

Baschtl hat mal festgestellt, dass die Grind-Szene einen ganz eigenen Humor hat. Alles wird so sehr überspitzt, dass es fast schon humoristisch ist. Das ist auch mein Humor und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Alles, was mit Grindcore zu tun hat, ist irgendwie auch menschlich. Die Menschen arbeiten in Pflegeberufen und schreien sich nach Feierabend die Seele aus dem Leib. Das ist voll im Leben.“

„Die Grind-Szene ist sozialkritisch, oder vielleicht eher, lebenskritisch. Von der Grundfärbung geht sie eher in die linke Richtung. Sie ist lebensbejahend, auch wenn sie negative Themen behandelt. Aber es geht darum, beschissene Zustände auf der Welt sichtbar zu machen. Wenn du zum Beispiel siehst, dass Coca Cola ein neues Werk in Indien baut und die Bevölkerung dann zwar kein Wasser mehr hat, aber ganz viel Coca Cola. Super! Wasn Scheiß!“ Darum geht es für Jockel: Mit Spaß an der Sache den Ernst der Lage deutlich machen, sich nicht alles gefallen lassen.

© Ring of Metal

Er findet dann auch fast poetische Worte für die Charaktere der Grind-Szene: „Sie sind für mich irgendwie Freigeister. Sie sind immer frei. Man hat in der Regel zu viel Angst davor, was zu verlieren. Als Mitteleuropäer könntest du einfach deinen Job aufgeben, deine Wohnung kündigen, deinen Kram irgendwo unterstellen und losfahren. Wir haben Angst vor Verlust, obwohl man so viele Möglichkeiten und Chancen hat. Aber alle haben nur Angst. Aber beim Grind finde ich, dass es nicht so ist. Die Leute haben Bock, das Leben zu leben. Das Leben in sich aufzunehmen.“

Von der Musik leben

Während Jockel vom Grind schwärmt, sitzen wir entspannt auf einer Bierbank vor dem Friedrichshainer Feuermelder und trinken Apfelschorle. Dass wir uns schon ein paar Jahre kennen, hilft sicherlich auch, um über Themen zu sprechen, die einem sonst vielleicht unangenehm sein könnten: Dass es Fritze gesundheitlich im letzten Jahr nicht so gut ging oder dass ich mich frage, ob Jockel eigentlich jemals Vorbehalte erlebt hätte, weil er jetzt mit so ganz anderer Attitüde und Musik, nämlich bei Ost+Front, sein Geld verdiene.

Jockel lacht, gibt aber offen zu: „Ja, die Vorbehalte gab’s. Aber ich bin da ganz offen mit umgegangen. Jeder weiß, dass ich ein Menschenfreund bin und niemand, der rechts ist. Der Name lässt das assoziieren, aber ich bin da ganz offen: Die Ostfront war einfach ein brutaler Ort, an dem viele Menschen umgekommen sind. Wo Menschen sich gegenseitig aufgefressen haben. Das ist natürlich auch Provokation, aber so gehe ich dann eben auf die Leute zu.“

Eingestiegen in das Projekt Ost+Front ist er in einer Zeit, in der er eigentlich arbeitslos war und nur nebenbei als freiberuflicher Grafiker ein paar Sachen umsetzen konnte. Und auf einmal fragte ihn sein Kumpel, ob er nicht Lust hätte, ein Konzert auf dem M’era Luna 2011 mitzuspielen. Nach und nach brachte sich Jockel stärker in Ost+Front ein. Heute kümmert er sich um die Organisation der Band und um die Touren, die mittlerweile schon weit über deutsche Grenzen hinausgehen – von England bis Russland und Italien bis Schweden. Seit er Ost+Front mache, sei für Jockel ein neuer Lebensabschnitt gestartet. Sein ganzes Leben habe sich in eine ganz andere Richtung bewegt, findet der Mann mit der markanten Frisur.

Da ich selbst keinen Bezug zur Musik von Ost+Front habe, frage ich ganz offen, was das Publikum so daran fasziniere: Jockel glaubt, dass es vor allem die Maskerade sei, die viele Leute anziehe. Obwohl sie ab und an als „Rammstein-Klon“ bezeichnet würden, findet er, dass sie musikalisch wenig mit Rammstein gemein hätten. Ost+Front sei mehr so etwas wie der dreckige Bruder Rammsteins. Mit Thematiken über Massenmörder und deren Motive. Derzeit arbeitet die Band an der Veröffentlichung ihrer vierten Scheibe und Jockel plant weiter fleißig Auftritte, Touren und die Organisation. Gemeinsam mit Bandgründer und Produzent Patte trifft er alle wichtigen Entscheidungen. Besonders Spaß habe er dabei an der Buchhaltung, weil er da sehe, was reinkommt, sagt Jockel und lacht über mein ungläubiges Kopfschütteln. Buchhaltung …

„In einem Metallbauunternehmen habe ich mal mit der Buchhaltung zu tun und habe Rechnungen geschrieben. Dann auch im Plattenladen. Und ich glaube, dass du alles, was du im Leben mal gelernt hast, irgendwann auch wieder anwenden kannst.“

Mich interessiert noch, ob er sich denn jemals für Necromorph einen ähnlichen Erfolg gewünscht hätte wie für Ost+Front, aber Jockel winkt ab. So wie es ist, findet er es super! Mit Necro könne er einfach in einem kleinen Laden auf die Bühne gehen, den Verstärker hinstellen, den Kasten Bier und ein paar Stullen genießen und dann loslegen. Das sei viel unkomplizierter. Auch für die anderen Mitglieder der Band sei ein Mehr an Aufwand nicht zu machen. So sei Ulf mit Dehuman Reign erfolgreich und Micha in seinem Job eingebunden. Fazit Jockel: „Necro ist mein Ausgleich und Ost+Front ist mein Beruf!“

Highlights des Musikerlebens

Eines seiner Highlights aus dem bisherigen Musikerleben war für ihn dann natürlich der Auftritt mit Necromorph auf dem tschechischen Grindcore-geprägten Festival Obscene Extreme. Einige Gigs, wie die Tour mit den Japanern von Bathtub Shitter sowie die Screaming Sixpack-Tour mit Maggot Shoes, Goregast, Migraine, Napalm Entchen, Die You oder der Auftritt vor dem Feuermelder bei der Fête de la Musique nennt er ebenfalls.

„Bei Ost+Front würde ich noch als Highlight nennen, dass wir im Ausland spielen können, ganz besonders in Russland. Das ist eine ganz andere Welt. Bisher waren wir in St. Petersburg und Moskau. Dort spielen wir vor im Schnitt vor 200 Leuten, was im Verhältnis zu Necro-Shows ja schon als groß gilt.“ Die russischen Veranstalter seien mehr mit „Seele“ dabei, wie Jockel lachend konstatiert. Sie würden bei den Shows mehr ausrasten und das Publikum sei sogar mit selbst gebastelten Sonnen, Monden und Sternen vor Ort, um sie hochzuhalten, wenn ebenjener Song gespielt wird. Insgesamt wünsche er sich zwar für beide Bands Erfolg, aber dass alles weiter so natürlich seinen Gang gehe und niemand abhebt oder sich sonstige negative Nebenwirkungen äußerten.

So bleibt Jockel dann auch am Boden. Wahrscheinlich auch dank seines Bruders, der ihm nicht nur familiär zur Seite steht, sondern auch musikalisch – Zwei Brüder, im Grind vereint.


Welches ist deine Lieblingslocation in Berlin?
„Das sind mehr Punkläden. Die Köpi finde ich toll und es ist wichtig, dass sie so erhalten bleibt, wie sie ist. Die Stadt lebt davon, dass es solche Läden gibt. Genauso der Kastanienkeller. Sowas würde ich immer eher unterstützen! Auch wenn der Sessel in der Ecke des Konzertraums vielleicht keimig ist und stinkt. Das lebt alles! Auf mehrere Arten und Weisen. Bei der KvU freut mich auch, dass sie einen neuen Laden gefunden haben. Ich hoffe, dass das Abstand und die Rigaer Straße so bestehen bleiben.“

Was ist deine Lieblingsband aus Berlin?

„Gerade finde ich Turtle Rage ganz cool.“

Was ist dein Lieblingskünstler aus Berlin?

„Der Robert, aka Illustrious, von Violent Frustration. Alles, was der zeichnet, ist super. Philipp aka Echos Oratos, der unser Necromorph-Cover gemacht hat, finde ich auch cool. Den würde ich daneben stellen. Der ist auch ein cooler Typ.“


Danke für das schöne Interview!

Necromorph: http://necromorph.net/

Necromorph Facebook: https://www.facebook.com/necromorphband/

Ost+Front: https://ostfront.de/

Berlin Grindfest: https://www.facebook.com/BerlinGrindfest/

Titelbild: Necromorph 2011 | © Booth van Bohr

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