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Daniel – One Thousand Lives

Der Kastanienkeller ist eines der letzten Vermächtnisse eines längst vergangenen Berlins: Handgemacht, eigenwillig und stolz präsentiert er sich im Herzen des schicken Prenzlauer Bergs.

Daniel übernimmt hier, zusammen mit anderen Bewohnern des Hauses und Akteur/innen von außerhalb, das Booking und die Instandhaltung. Aber wenn es mal nur das wäre.

Dann hätte ich seine Geschichte so erzählen können: Daniel ist Mitte dreißig, leidenschaftlicher Bergsteiger und überzeugter Schreihals. Der Sänger der Band Hatehug war früher auch Frontmann bei Post-War Perdition und Room101. Seit über 7 Jahren lebt und arbeitet er in dem ehemals besetzten, heute autonom verwalteten Haus der Kastanienallee 85. Über eine Freundin kam er vor 10 Jahren zuerst in den Keller und später in jene WG, die hauptsächlich den Kastanienkeller stemmt und unter anderem Konzertabende organisiert.
Im Vorstand des Hausvereins ist er auch aktiv, sprich, er kümmert sich um die Belange der Bewohnerinnen und Bewohner. Aber das nur nebenbei.

Doch es gibt noch viel mehr zu erzählen.

Bereits früher sammelte Daniel in Berlin Booking-Erfahrungen, unter anderem in der Köpi, und noch davor, in einem seiner ersten Leben, machte er in Sachsen-Anhalt mit seinen Punker- Freundinnen und -Freunden das Kleinod Schönebeck an der Elbe unsicher. „Es musste einfach alles selbst gemacht werden. Gab ja nichts in der Kleinstadt, aus der ich herkomme“, resümiert Daniel bei Kaffee und veganem Chili. Die Konzertleidenschaft treibt ihn also bereits seit Teenagerjahren um. Als wir uns treffen, hat er einen riesigen Rucksack dabei. Damit will er nicht etwa wandern gehen, sondern plakatiert im Prenzlauer Berg: Eine seiner nächsten Veranstaltungen, die er organisiert und bei der er gleichzeitig mit Hatehug auftritt.

Als Daniel 2005 nach Berlin zog, war es eigentlich sein Wunsch, mal auszuspannen, sich nicht mehr um die ganzen Gigs bemühen zu müssen. Geklappt hat das irgendwie doch nicht.

Aufräumen

Im Kastanienkeller habe er zu Beginn erst mal die „lapidaren“ Aufgaben übernommen: Einlass oder Bar machen, putzen und das Drumherum organisieren. Erst nach dem Einzug in die WG übernahm er auch das Booking. Da die Kastanie aber auch unterhalten werden will, also instandgehalten werden muss, wurde aus Daniel, dem Barmann und Booker, irgendwann auch Daniel, der „Hausmeister“. In den vergangenen beiden Jahren wurde der Keller so Stück für Stück aufwendig umgestaltet und saniert, mit neuer Bühne, neuen Wänden, einer neuen Bar und weiteren Elementen ausgestattet. Viele seiner Arbeiten bemerken die Gäste eher nicht, da es auch um solch unglamouröse Sachen wie Dämmung geht.

Nach und nach entfernte sich Daniel durch die handwerklichen Arbeiten von seinen Bookertätigkeiten, sodass heute vor allem einer seiner Mitbewohner das Hauptbooking der Kastanienkeller-Shows übernimmt. Aber oft lassen sie sich dabei von Bekannten und Freunden von außen unterstützen, die als Kollektive oder Privatmenschen ehrenamtlich Shows planen und veranstalten.

„Ich habe es mir zur Regel gemacht, dass ich im Jahr nur noch drei Shows selbst mache. Den Rest nehme ich höchstens an und betreue ihn dann eventuell. Ich gehe aber quasi nur noch als Gast hin und freue mich, wenn es für uns, die Veranstalter und die Bands gut läuft“, meint Daniel. Wobei er da nicht stoisch sei. Aber das sei so seine Faustregel, damit er die Lust am Veranstalten nicht verliere.

Nichtsdestotrotz übernimmt er immer noch viele Arbeiten, die andere Veranstaltungsstätten sicher nicht so großzügig anbieten: Geht mit Wanderrucksack im Kiez plakatieren und hilft aus, wenn an der Bar oder am Einlass ein oder zwei fähige Hände gebraucht werden.

Anschauen

Wer noch nie im Kastanienkeller war, stelle es sich ungefähr so vor: Du stehst auf der Kastanienallee, dieser geschichtsträchtigen Straße im hippen Prenzlauer Berg. Restaurants, Cafés und Boutiquen reihen sich dicht an dicht. Du bemerkst die schicken Fassaden und noch schniekere Menschen, die sehr darauf bedacht sind, irgendwie künstlerisch oder wenigstens individuell auszusehen. Während du es gerade geschafft hast, die letzte noch halbwegs akzeptabel dreckige Hose aus dem Kleiderhaufen zu ziehen, scheinen die Menschen auf der Kastanienallee keine Scheu davor zu haben, edle Vintagestücke auszuführen.

Hier steht, im Vergleich zur Nachbarschaft auffallend unaufgeregt, das Café Morgenrot. Im Inneren befindet sich eine große Bar mit angenehmen Preisen und einem großen Gastraum, indem es ab Feierabend und am Wochenende immer voll ist. Und auch die schnieken Menschen mit den teuren Vintagesachen kehren hier gerne ein. Weil sie nicht beäugt werden, weil sie hier dann doch so sein können, wie sie sind.

Laura Vanselow_Kastanienkeller_1 © Laura Vanselow

Durch den Gastraum des Café Morgenrot hindurch steigst du rechts an den mit Postern dekorierten Toiletten eine schmale Treppe in den Kastanienkeller hinab. Am Ende der Treppe ist in einer kleinen Nische ein Tisch mit zwei Stühlen für den Einlass aufgebaut. Wer bezahlt hat, darf nach rechts in den Keller abbiegen. Die gemütliche Bar im Untergeschoss ist voll, die Leute unterhalten sich so laut, dass man selbst auch nur schreien kann, um vom Gegenüber gehört zu werden. Die Preise sind, nicht nur für Prenzlauer-Berg-Verhältnisse, human. In einer kleinen Ecke ist der Merch aufgebaut. Noch ein Stück weiter in den Keller hinein findest du die Bühne und den Konzertraum für schätzungsweise 150 Menschen. Wenn du dich rechts an der Bühne vorbeitraust, kommst du über eine Treppe hinauf zur Balustrade. Von hier kannst du dem Spektakel auf der Bühne auf den Kopf schauen. Eine ungewohnte, aber spannende Perspektive.

Laura Vanselow_Kastanienkeller_3 © Laura Vanselow

Durch seine  Aktivitäten im Haus, kennt Daniel die Leute und deren Projekte ziemlich gut. Er zählt auf, was es neben dem Kastanienkeller noch in der Kastanienallee 85 zu finden gibt:

„Es gibt unsere Selbsthilfe-Druckerei, die existiert bereits seit Besetzerzeiten. Da lassen Leute Poster, Plattenhüllen etc. drucken. Wer also was braucht, kann sich dafür an den Dreigroschendruck wenden. Man kann zugucken oder sogar selber mithelfen, dann wird es billiger. Es fällt aber auf, dass die Leute lieber mehr zahlen und es machen lassen. Das war früher noch anders. Wir haben den Buchladen zur schwarzen Weltkugel, wo es linke Literatur gibt. Da gibt es auch interessante Lesungen. Und natürlich das Cafékollektiv vom Café Morgenrot. Hier gibt es Infoveranstaltungen, Kinoabende und so etwas. Das sind andere Leute als zum Beispiel das Kollektiv vom Kastanienkeller. Die müssen davon leben. Wir machen es ehrenamtlich. Bei uns ist das nur ein Hobby. Unser Haus – aber auch das unserer Nachbarn in der 86 – ist für viele in diesem durchgentrifizierten Kiez sowas wie die letzte Möglichkeit, so zu tun, als wäre Berlin immer noch cool.“

Ausprobieren

Daniel weiß, wovon er spricht, wenn es um das Planen, Verwalten und Organisieren geht. Als gelernter Einzelhandelskaufmann und Hausmeister in Kastanien-Eigenausbildung hat er das nötige Know-How, um den Laden am Laufen zu halten. Ob es für ihn dann jemals so etwas wie einen Feierabend gibt oder Freizeit von der Kastanienallee 85? „Wenn ich nur mit einer halben Backe irgendwo hinlatsche, dann kann ich es gleich sein lassen“, kommentiert er. Das heißt dann wohl Nein.

Bei der Auswahl seiner Shows koordiniert sich Daniel mit anderen Veranstalterinnen und Veranstaltern aus Städten, die auf der Tour einer Band liegen, schaut bei den Bewerbungen der Bookingagenturen nach oder fragt einfach Bands, die lange nicht mehr in der Stadt waren, ob sie nicht mal wieder einen Halt in Berlin-Prenzlauer Berg einlegen wollen. Aufgrund des Rufs der Kastanie als einem der letzten Leuchttürme einer sterbenden Untergrundszene hat er da auch oft gute Karten.

„In der Regel mache ich nur Shows, auf die ich Bock habe und die für mich auch Sinn machen. Wir können ja nur am Wochenende Shows machen. Das heißt, so blöd es klingt, irgendeine x-beliebige Schülerband möchte ich nicht spielen lassen, nur weil es die Möglichkeit gäbe. Der Kastanienkeller ist natürlich ein unkommerzieller Raum, indem sich auch ausprobiert werden soll, aber irgendwie muss es am Ende stimmig sein. Wenn da so ein viertelgarer Abend läuft, die Band vor 20 gelangweilten Leuten spielt, die Helferinnen und Helfer ihre Zeit absitzen und vielleicht der Laden noch Minus macht, ist niemandem geholfen. Ganz selten gibt es Ausnahmefälle, in denen ich Freundschaftsdienste mache. Aber bei einem unguten Gefühl weise ich natürlich darauf hin, dass es eventuell ein Reinfall wird. Die anderen Booker sehen das ähnlich, wenn auch vielleicht nicht ganz so eng.“

Wer sich davon angesprochen fühlt, seinen Teil zum Kastanienkeller beizutragen, sollte vor allen Dingen Motivation mitbringen. Denn bei so einem kleinen und selbst organisierten Vorhaben braucht es viel eigenen Antrieb, der die Sache auf Kurs hält: „Gerade hier, wo der Raum von Selbstbeteiligung lebt, ist es oft schwierig. Deswegen ist das Kollektiv auch so klein. Es sind nur drei oder vier Leute, die konstant aktiv sind. Es ist schwierig, den Leuten klarzumachen, dass mehr dazu gehört, als zwei Mal Bar zu machen, wenn man das dauerhaft ein entsprechendes Level halten möchte. Es gibt permanent Dinge zu tun, nicht nur Flyer irgendwo hinzulegen oder Bierkästen zu stapeln. Allein schon die Leistung, die unsere Soundmenschen jedes Mal verrichten oder die Leute beim Aufräumen!
Wenn man keinen Bock auf all zu viel kontinuierliche Arbeit hat, sollte man es sein lassen. Dann wird es nicht lange zufriedenstellend funktionieren! Gerade, wenn es in diese unkommerzielle Richtung geht, bei der man alles ehrenamtlich macht, muss man umso motivierter sein. Für den Einzelnen bleibt finanziell nichts übrig!“

Ausgleichen

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Daniel ist am ganzen Körper tätowiert, trägt halblange, dunkle Haaren und ein breites Grinsen. Die Augen strahlen Neugierde aus. Das war nicht immer so. Durch jahrelange Alkoholexzesse habe er sich selbst ziemlich an den Rand der Verzweiflung gebracht, reflektiert er heute. Irgendwann war Daniel an dem Punkt, an dem er das nicht mehr wollte. Auch wenn es nicht gleich geklappt hätte, heute sei Alkohol kein Thema mehr für ihn. Die Energie in andere Dinge als die Musik und das Veranstalten zu stecken, kam ihm dann erstmal gar nicht in den Sinn. Vor knapp zwei Jahren entdeckte er das Wandern und später auch das Bergsteigen für sich. Heute ist er dafür umso ehrgeiziger. Die Sechstausender möchte er noch bezwingen, solange er körperlich dazu in der Lage ist. Das bedeutet, irgendwann in den Himalaya zu reisen.

Lies weiter über Daniels andere Leben und seine Einstellung zur Szene auf Seite 2.

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