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Säsh – Orchestra of the mind

Als Dustown veranstaltet Säsh Konzerte, Festivals und Happenings im Stoner-Rock und Psychedelic-Bereich. Der Mann mit der Glitzerhose steht nie still und bewegt Vieles.

Der Blick schweift über die Menschenmenge in einem viel zu kleinen, viel zu warmen Raum. Die Menge besteht aus verschwitzten Klamotten, verschwitzten Haaren und verschwitzter Haut. Die Augen sind geschlossen, die Köpfe in den Nacken geworfen, die Lippen zu stummen Lächeln gekräuselt. Vereinzelte Hände sind nach oben gereckt, geballt zu Fäusten oder begleitend mit den Fingern die Töne der Riffs, die sich durch den Raum tragen.

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© Andreas Steckmann

Dustown-Shows sind keine regulären Berlin-Konzerte, bei dem die Betrachterinnen und Betrachter in einem skeptischen Halbkreis vor der Bühne stehen und das Bühnengeschehen beobachten. Es sind Happenings, die mitreißen. Die zum Tanzen bewegen oder wenigstens zum Mitwippen. Säsh versteht es als Ein-Mann-Show, Gigs zu buchen, die etwas Besonderes sind. Die Crowd weiß das nach acht Jahren harter Booking-Arbeit zu schätzen. Sie hat verstanden, dass er nur Bands einlädt, die er selbst richtig abfeiert. Die „einen Einblick in meinen Kopf und mein Leben“ geben, wie Säsh sagt.

Entlang der Tramlinie 20

Säsh ist frische dreißig Jahre alt und Ur-Berliner. Aufgewachsen entlang der ehemaligen Tramlinie 20, heute M10, ist der Bereich vom Volkspark Friedrichshain bis zum Mauerpark sein Terrain. Hier ging er zur Schule, lernte im „Friedi“ Fahrradfahren und zog mit seinen beiden Brüdern um die Häuser. Er machte Abitur und zog irgendwann in eine der wenigen verbliebenen bezahlbaren Buden des Prenzlauer Bergs. Hier wohnt Säsh bis heute, genießt die Architektur und die Leute und „macht es sich gemütlich“. Er ist gelernter Veranstaltungskaufmann und Schlagzeuger bei Val Sinestra und Operators.

Das Schlagwerk als Proberaum

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© Catabolic Messenger/Swamp Conspiracy

Mit 18-19 Jahren gründete Säsh seine ersten Bands. Teilweise spielte er in fünf Bands gleichzeitig Schlagzeug. Damals machte er noch Metal, oder so glaubte er zumindest:

„Meine ersten Bands hatten diesen typischen Jugendclubsound: Ein bisschen Doublebass, aber kein Metal, mit Geschrei, aber kein Punkrock, bisschen Hardcore-Gebolze dazu – mit 18-19 Jahren findet man das richtig heiß. Unsere Vorbilder waren Machine Head und Metallica, aber wir waren nicht annähernd in der musikalischen Ecke – so was von Querbeet!“

Seinen Proberaum bezog er damals über seinen älteren Bruder im Schlagwerk. Ein glücklicher Umstand für seinen späteren Beruf und seine Berufung, wie sich herausstellen sollte:

„Ich habe mit Dustown in einer Location angefangen, in der ich schon lange zu Hause bin. Dort ist auch mein Proberaum: Das Schlagwerk. Das war ideal für mich als Ausgangsbasis. Es gab eine Konzerthalle mit Bühne, PA und Lichttechnik. Mein Proberaum war damals direkt hintendran. Da war es ein Einfaches: Das Equipment wurde aus dem Proberaum geräumt, die Bühne aufgebaut, die Bands eingeladen und los ging’s!“

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© Kandziora photo/ Swamp Conspiracy

So konnte er im Schlagwerk nicht nur proben, sondern sich im wortwörtlichen Sinne ausprobieren. Zu Anfang organisierte er Metalnächte. Seine Idee war es, die eigenen Bands mit tourenden Bands zusammenzubringen und das Berlin-Konzert zu organisieren. So sollten sich seine Bands ein gutes Standing aufbauen, Kontakte nach draußen knüpfen und die tourenden Bands – aus Deutschland, Europa oder von Übersee – konnten von seinen guten Beziehungen und Erfahrungen in der Berliner Konzertelandschaft profitieren. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Dust in the town

Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Studium des Eventmanagements entschied sich Säsh für die Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann. Viel zu groß seien ihm die Projekte gewesen, die man im Studium konzipieren sollte. Er wollte kleine, feine Sachen machen. Also kam er in einer Agentur für Weltmusik unter und konnte nach eigener Aussage seinen Horizont extrem erweitern.

Säsh gründete Dustown als Bookingagentur, eine Zusammensetzung aus „Dust in the Town“. Damit beschreibt er den staubigen Wüstensound des Desert Rock, den er in die Stadt, also nach Berlin, bringen wollte, um einen „Ort der Begegnung“ zu schaffen. Den musikalischen Wechsel vom Metal zum Stoner-Desert-Psychedelic Rock vollzog Säsh privat schon kurz vorher. Seine ersten Bandprojekte lösten sich auf und so begann er sich über seinen Bruder und Eggat, seinen Schulfreund und heutigen Sänger von Operators, für Sachen wie Kyuss und Fu Manchu zu interessieren und sich von seinen Jugendeinflüssen Rage against the Machine, Sepultura und System of a Down zu lösen. Das hatte Einfluss auf sein Schlagzeugspiel und die Shows, die er künftig organisieren wollte.

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Pyrior – Dustown 2009 @Schlagwerk | © Philip Schulte

Sein erstes Dustown-Konzert veranstaltete am 9. Januar 2009 mit Android Empire als Headliner. Sie sind bis heute eine der lokalen Lieblinge der Stoner/Sludge-Szene und auf Nachfrage seine Berliner Lieblingsband. Für diese Antwort musste er übrigens während des Interviews nicht eine Sekunde überlegen. Neben den Konzerten enthielten Dustown-Abende ein anschließendes Techno-DJ-Set, mit dem die Locations teilweise bis in den nächsten Morgen beschallt wurden:

„Die Bereiche Rockkonzert und Techno-DJ-Set liegen zwar augenscheinlich weit auseinander, aber wenn man sich mal Festivals, wie etwa die Fusion anschaut, findet man dort genau das beinander: Bühne an Bühne. Wir haben dieses Konzept nicht nebeneinander, sondern nacheinander gefahren. Es gibt immer eine Schnittmenge an Leuten, die nach dem Konzert gerne noch für die Party bleiben und andere, die erst für die Party kommen, weil sie später losgehen.“

Der Eintritt für diese Abende blieb meistens bei fünf Euro, also auf Jugendclubniveau. Davon konnte zwar niemand reich werden, aber es deckte halbwegs die Kosten. Neben der Kombination von Lokalem mit Tourendem testete Säsh mit Dustown auch die Grenzen der Genres aus:

„Ich achtete darauf, nicht die eingeschlagene Schneise eines Abends zu bedienen, sondern den musikalischen Fächer aufzubreiten. So konnte ich auf meinen Shows alle Färbungen des Psychedelic Rock einfangen.“

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Android Empire | © Andreas Steckmann

Um für eine Show von Säsh gebucht zu werden, muss man nicht viel tun, man muss ihn einfach nur „wegrocken“:

„Das Prinzip ist einfach: Wenn mich Musik bewegt, dann wird sie auch meine Freunde begeistern. Viele Bands buche ich erst, nachdem ich sie live gesehen habe. […] Ich bin kein Großveranstalter, der nach Zahlen bucht, sondern nach dem Herzen. Ich mache es nur sehr selten, um jemand anderes einen Gefallen zu tun. Ich behaupte, dass ich 99 Prozent der Bands gebucht habe, weil ich sie sehen will.“

Mehr Reichweite, mehr Leute, mehr Kontakte

Durch die Shows knüpfte Säsh enge Kontakte mit Bands und Menschen aus ganz Deutschland; Hamburg, Kiel, Dresden, Erfurt und vielerorts sonst. Immer wieder konnte er Bands auch in schon geplanten Shows unterbringen, schaffte es, Booker miteinander zu verknüpfen oder spannende Bands zu kombinieren. Irgendwann entwickelten sich aus den Kontakten in die Szene ein Beruf: Er arbeitete im alten White Trash und im Bassy Club als Booker, war im Festsaal Kreuzberg als Abendleitung angestellt. So konnte er sich weiter einen Namen machen, trug aber auch immer mehr Verantwortung:

„Und es wurde mit der Zeit sehr viel und hat mich ausgebrannt. Ich bin selbst Musiker und musste mich für andere Bands aufopfern, Geld und Zeit investieren, obwohl meine Bands auch viel Zeit brauchten. Die kamen leider zu kurz in den letzten Jahren.

Mir wurde klar, dass ich Dustown ehemals gegründet hatte, um meine Bands mit anderen zusammenzubringen. Damit wir auch profitieren können und auf Tour gehen können. Wenn man sich dann aber mit sämtlichen Shows in Berlin zukleistert, kommt man auch gedanklich nicht so richtig raus.“

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Operators @ Berlin Swamp Fest | © Catabolic Messenger/Swamp Conspiracy

Seit zwei Jahren versucht Säsh daher, kürzerzutreten, nicht mehr jeden Gig anzunehmen und nicht mehr alles alleine zu machen. Das klappte leider nicht gleich im ersten Anlauf:

„Aber 2017 wird es jetzt wirklich so sein. Keine regulären Shows mehr als Dustown, ich werde nur Teil einer Unternehmung sein. Also zum Beispiel beim Berlin Swamp Fest und zusammen mit der Swamp Conspiracy, mit der ich im April noch ausgewählte Shows mache. Einfach dort, wo ich nicht mehr alleine alles stemmen muss, sondern mit einer Crew zusammen den Abend vorbereite, bewerbe und durchführe. Um wieder ein bisschen mehr von diesem Gangleben zu haben und nicht eigenbrötlerisch zu leben.“

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© Franzi / Swamp Conspiracy

Viel offen ist auf seiner Veranstalterwunschliste aktuell eh nicht mehr. Es fehlt eigentlich nur noch ein großer Name:

„Fu Manchu, aber sie sind einfach zu groß für Dustown. Das ist die Band, die für mich alles regiert.“

Ansonsten nennt er nur Bands, die er gern nochmal gemacht hätte oder die es zu seinem Bedauern nicht mehr gibt: Sungrazer, Naam und Nebula. Aber eigentlich habe er sich schon alle Wünsche erfüllt, findet er.

Lest auf Seite 2 weiter, um herauszufinden, was es mit Säshs „Kopforchester“ auf sich hat.

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