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Brutz & Brakel – With heart and soul

In den Achtzigern fuhr Marcus aka Herr Brakel durch die deutschdemokratische Republik, auf der Jagd nach neuen Platten, Metaltapes oder der nächsten geilen Party. Heute ist er selbst Musiker, Festivalveranstalter und einer der Köpfe der Kneipe „Brutz & Brakel“ in Berlin-Friedrichshain. Zu Gast im unprätentiösen Zuhause der Berliner Metalszene.

Marcus, als Gitarrist bei Postmortem bist du mindestens 26 Jahre in der Metalszene aktiv. Was waren deine ersten Kontakte in die Szene?

Marcus: Ich bin ein alter Ossi, das heißt, für mich lief es ein bisschen anders, als es heute der Fall ist oder wie es auch auf der anderen Seite Deutschlands ablief. Du konntest nicht einfach in einen Laden gehen und dir eine Scheibe kaufen. Du musstest dir neue Musik von Kumpels, Freundschaften oder auch nur Bekanntschaften ranholen.

Ich bin über meinen knapp fünf Jahre älteren Bruder zur härteren Musik gekommen. Zusammen mit meinem ebenfalls älteren Cousin haben mich beide in den Siebzigern geprägt. Als kleiner Junge habe ich mitgehört, wenn sie Sachen, wie T-Rex, Sweet, Suzie Quatro oder bereits damals Black Sabbath und Nazareth, anmachten. Bei mir ging’s mit AC/DC und alten Aerosmith los. Nach und nach ging es in die härtere Richtung. Etwa ab 1980 war ich beinharter Judas Priest-Fan. Ich hatte sie zuerst im Radio gehört.

Über Bekanntschaften hat man sich dann mit der Musik versorgt: Der kannte den und da hat man erfahren, dass der, der den kennt, wiederum die und die Platte hat. Also ist man durch die ganze Republik gefahren, um irgendwelche Aufnahmen zu kriegen. Durch diese Liebe zur Musik haben sich Leute getroffen und kennengelernt. Diese Liebe habe ich heute immer noch in mir, wenn ich ganz spezielle Pressungen von Platten online oder bei einer Plattenbörse finde. Da kommt dieses Gefühl von früher hoch, wenn man einfach losgefahren ist, weil man irgendetwas kriegen wollte.

Wir waren nun vor allem in Berlin unterwegs und haben durch die Musik auch Menschen kennengelernt, die selbst in Bands gespielt haben, z. B. bei Blackout, Disaster Area, Metall, Merlin oder Pharao.

Aus einer Bierlaune heraus, ungefähr um die Zeit als die „Reign in Blood“ von Slayer frisch raus war, haben wir aus Joke beschlossen eine Band aufzumachen. Der Name war aufgrund der Platte natürlich schnell gefunden: Postmortem. Das war auch schon der ganze Zauber! Wir hatten noch nie ein Instrument in der Hand gehabt! So verbreitete sich die Nachricht von Postmortem wie ein Lauffeuer. Zu DDR-Zeiten war es echt cool, dass wir eine intakte Szene hatten. Viele solcher Sachen kamen schnell hoch. Das ging sogar so weit, dass der Name Postmortem schon in der DT 64-Sendung „Tendenz Hard bis Heavy“ genannt wurde, obwohl wir noch nichts gemacht hatten. Es existierte nur der Name!

Dann kam die Wende und alle meine Mitstreiter sind verlustig gegangen: sind aus der Stadt raus, zum Teil wiedergekommen, zum Teil weggeblieben. Also ging es erst 1990 wirklich mit uns los, als ich Tilo, Putz und die anderen kennenlernte.

Ende der 1980er hatte ich etwas Gitarrenunterricht bei Ötzel genommen, dem damaligen Gitarristen von Disaster Area. In meinen Augen ist er heute immer noch der beste Gitarrist Berlins! Aber wenn ich bei ihm war, haben wir nicht wirklich so viel geübt. Wenigstens hat er mir gezeigt, wie man die Gitarre richtig herum hält (lacht.) und wir sind sehr gute Freunde geworden. Durch die Wende ging das leider auch erst mal auseinander. Das Gitarrespielen habe ich mir also mehr oder weniger autodidaktisch beigebracht. Ötzel konnte mir die Grundkenntnisse vermitteln und stand mir immer mit super Ratschlägen zur Seite. Noch heute stehen wir im engen Kontakt und bei Fragen in Richtung Gitarre, ist er noch immer mein wichtigster Ansprechpartner.

Mein Bruder meinte damals zu mir sogar, dass ich nicht mehr anfangen brauchte, Gitarre zu spielen. Mit 20 Jahren wäre ich viel zu alt! Aber mir war es egal. Tja, man sieht ja, was dabei raus gekommen ist! (lacht.)

Postmortem@Party San 2015

Postmortem @ PartySan 2015 | © Kerstin Brümmer

Wenn du in den Achtzigern in Ost-Berlin unterwegs warst, welche Anlaufpunkte hattest du?

Marcus: Ach, da gab es viele! Wir waren z. B. häufig in der Langhansstraße, dem späteren HOF23. Dort haben wir nach über 25 Jahren mit dem Brutz & Brakel auch das „Stromgitarrenfest“ hochgezogen. Für uns war es eine Herzensangelegenheit, das Festival genau da drin zu machen. In unserer tiefsten Jugend standen wir dort und träumten davon, auch mal auf der Bühne zu stehen. Das haben wir uns mit Postmortem damit erfüllt und mit dem „Stromgitarrenfest“ halt noch eine eigene Veranstaltungsreihe gestemmt.

Stromgitarrenfest-2014_Christian_Schlieker

Crowd @ Stromgitarrenfest 2014 | © Christian Schlieker

In Randberlin gab es viele Clubs bzw. Klubhäuser. Ich komme eigentlich aus Hohen Neuendorf, da waren verhältnismäßig regelmäßig Metalbands. Auch in Strausberg ging was. Nach Bernau oder Eberswalde sind wir ebenfalls gefahren.

In Berlin waren wir am Wochenende viel im Abbi. Im Nachhinein ist es einem noch klarer, als es das damals war: Das Ding war natürlich von der Stasi organsiert. Das war eine kleine Baracke, in der den ganzen Abend Metal lief. Reingekommen ist man mit einer Art Clubausweis. Die Metaller kamen aus der gesamten DDR angereist, um in diesen Club zu gehen. Man war extrem stolz, wenn man einen Clubausweis hatte, die Leute kannte und einfach reingekommen ist.

Man wusste zwar damals, dass es die Stasi gibt, aber man war sich des Ausmaßes einfach nicht so bewusst. Leute, die uns beobachten sollten, erkannten wir relativ schnell: Meist kam einer an, der mit einer nagelneuen Lederjacke und einem sinnlosen Drachen-T-Shirt doof in der Ecke rumstand. Da war es dann klar. Aber man war halt jung, das war einem irgendwie auch scheißegal!

Ansonsten gab es noch z. B. das PW in Plänterwald oder den Ottomar-Klub in Karow. Das waren mehr normale Discos mit einer Metalrunde drin. Dort sind wir dann den DJs auf den Sack gegangen und haben Kassetten mitgebracht, die sie spielen sollten. Die wollten dann abwiegeln und sagten, dass sie mit so alten, abgelutschten Kassetten nicht auflegen würden. Aber ich hatte immer die neueste und beste Kassette aus dem Westen dabei, die mussten sie dann abspielen!

Es gab zwar eine Regelung, in welchem Verhältnis man Ost- und Westmusik zu spielen hatte. Aber daran hat sich eh niemand gehalten. Man konnte das auch sehr schön beobachten: Hat der DJ Bronski Beat oder anderen Mist gespielt, war die Tanzfläche voll. Wurde irgendein Ostlied eingestreut, gingen alle nach draußen. Wir waren eh immer an der Bar und haben darauf gewartet, dass er Metal spielt. Dann kam unsere Zeit! (lacht.) Was für ein Blödsinn eigentlich …

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| © Christian Schlieker

Durch den Metal wurde man auch ein bisschen ausgegrenzt. Das wollte man aber sicherlich auch. Sehr schön konnte man das an den Klamotten, die wir damals trugen, sehen: Armbänder, den ganzen Arm entlang, Ledergürtel in drei, vier, fünf Reihen und Patronengurte oder die Ledermütze, die man u. a. am Karabinerhaken trug. Man brauchte eine Viertelstunde, ehe man alles anhatte. Auch im Hochsommer sind wir so rumgelaufen. Sogar in den Lederhosen. Die gab es nicht zu kaufen, also ist man zum nächstbesten Schuster gelaufen und hat ihn so lange genervt, bis er dir das günstigste Leder gab, damit man daraus eine Lederhose nähen konnte. Das war richtig dickes Leder. Konnte man natürlich auch mal mit hinfliegen, hat der Hose nichts gemacht. Aber die trug man immer. Für normale DDR-Bürger waren wir damit Fremde von einem anderen Planeten.

Ich erinnere mich vor allem an dieses legendäre Konzert zum Ende der Achtziger von Formel 1. Sie spielten im Clubhaus der Stahlwerker in Hennigsdorf an zwei Tagen hintereinander. Davon gab es später einen Livemitschnitt, der über AMIGA, der staatlichen Plattenfirma, veröffentlicht wurde: „Live im Stahlwerk“. Das war ein großes Event, beide Tage waren ausverkauft, die Leute reisten von überall an und haben davor campiert. Für mich war es gut, ich wohnte um die Ecke, war beide Tage da, konnte zu Hause eine frische Unterhosen anziehen und wieder hinrennen. Das war schon eine tolle Zeit!

Das Tape-Trading war in den Achtzigern ein globales Phänomen. In der DDR konntest du natürlich nur innerhalb ihrer Grenzen tauschen. Also sind wir quer durch die Republik gefahren mit einem Beutel voll Platten und haben die bei einer Person abgeliefert und dafür andere mitgekriegt. So eine Platte hat von 100 bis 300 Ostmark gekostet. Du hast aber zumeist nur so 600 – 700 Ostmark verdient. Diese Platten habe ich noch heute, ich könnte sie auch nie wegschmeißen oder verkaufen. Da hängen Erinnerungen dran!

Wie haben sich diese Verbindungen zwischen den Sammlern ergeben: Hörensagen oder wurden auch Inserate geschaltet?

Marcus: Inserate gab es auch, wenn z. B. jemand mehrere Platten auf einmal verkauft hat. Aber meistens waren es Bekannte, mit denen man tauschte. Es war schon cool, wenn du genau nachvollziehen konntest, dass beispielsweise bei „Tendenz Hard bis Heavy“ Platten liefen, von denen du dir sicher sein konntest, dass es deine waren. Die beiden Moderatoren kannten wir auch. Das ganze „Austauschen“ hat die Leute irgendwie zusammengeschweißt.

Du hast hart für dein Geld gearbeitet, hast dir ein paar Platten, Kassetten oder Poster irgendwo schwarz gekauft. Zu Hause hast du dann auf deine Weste – damals hießen Kutten noch Westen – die Logos der betreffenden Bands gemalt. Oft wurden Westen aber auch bestickt, das sah wirklich geil aus. Oder, wie gesagt, mit Textilfarbe bemalt. Da gab es dann keinen einzigen Aufnäher auf der Jacke, das war alles handgemalt.

Wie sehr beschäftigt dich der Metal noch?

Postmortem, 08.09.2014, Marcus Marth, Matthias Rütz, Max Scheffler, Tilo Voigtländer, Berlin

© Kerstin Brümmer

Marcus: Ich persönlich kann sagen, genau das ist mein Leben! Klar, habe ich auch ein Privatleben. Aber selbst mein Privatleben ist Metal. Wenn ich morgens aufwache, pocht bei mir der Metal im Kopf, wenn ich abends schlafen gehe immer noch. Ich glaube, das bleibt, bis ich ins Gras beiße. Das wird sich nie ändern. Früher sagten Verwandte ab und an, das sei „nur eine Phase“. Für mich war klar, dass es nicht nur eine Phase sein würde. Da geht es auch nicht nur ums Musikhören, das ist ein absoluter Teil meines Lebens. Wenn mir einer was wollte, dann müsste er mir nur meine Musik wegnehmen, nicht nur die, die ich selbst mache, sondern auch die, die ich höre, sodass ich mich damit nicht mehr beschäftigen kann. Wenn z. B. meine ganzen Priest-Platten weg wären, das wäre für mich echt undenkbar.

Gibt es also keine gediegene Rente im Schaukelstuhl?

Marcus: Naja klar, im Schaukelstuhl sitze ich jetzt schon. (lacht.) Aber wenn ich da drinsitze, habe ich eben Kopfhörer auf oder eine Gitarre in der Hand. Ne, das wird sich auch nicht  mehr ändern. Also, warum sollte ich das ändern? Es ist seit über 35 Jahren so, dass ich Metal bewusst höre und liebe. Das packt einen entweder richtig oder eben nicht. Ich verstehe Menschen nicht, die sagen, sie hören gern Radiomusik und es gebe keine Musik, die sie besonders berührt. Dann akzeptiere ich zwar, dass die Person nichts mit Musik zu tun hat, aber eigentlich tut sie mir ein bisschen leid. Ich finde, wenn jemand Musik nicht irgendwie mit als Lebensinhalt hat, dann fehlt ihm schon ganz viel.

Weiter geht’s auf Seite 2.

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