Wolg-Georg Zaddach Heavy Metal DDR Doctor Metal

Wolf – Doctor Metal

Noch heute ist der Osten als Region verschrien, in der es wenige Möglichkeiten zur künstlerischen Verwirklichung gibt. Es gibt zu wenig von allem – zu wenig Geld, zu wenige Locations, zu wenig Infrastruktur, zu wenige aktive Künstlerinnen und Künstler. Und gleichzeitig ist es gerade hier so beeindruckend zu sehen, dass die Szene schon immer ihren Weg geht und sich einen Dreck darum schert, was möglich sein müsste und was nicht. Wolf-Georg Zaddach, selbst Musiker und Musikwissenschaftler, hat darüber seine Doktorarbeit geschrieben – genauer, über die Metalszene der DDR.

Heavy Metal als Jugendkultur – eine Frage der Definition

Eine Jugendkultur definiere sich über ihre Kernpraktiken, so auch der Metal in der DDR, erklärt mir Wolf. Er zählt mit den Fingern vier auf: „Erstens über das Hören von Musik an sich, zweitens über das Vergemeinschaften, also das Zusammenkommen auf Konzerten und ähnlichen Events, drittens über das Feilbieten und Tauschenvon Tonträgern und schließlich über das Musikmachen an sich.“ Das sei für alle vier von der Stasi beobachteten Jugend-Subkulturen der DDR gleich gewesen: die Skins, die Punks, die Grufties und eben die Metalheads.

Letztere wurden erst etwa zur Mitte der Achtziger des letzten Jahrhunderts so richtig aktiv, also mit etwas Verzögerung im Vergleich zu den westlichen Szenen. Dafür war sie äußerst kreativ, enthusiastisch und professionell unterwegs.

Doctor Metal

wolf-georg zaddach bente bruening

Wolf-Georg Zaddach | © Bente Brüning

Der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach kennt diese Zeit nicht aus eigener Erfahrung, er ist Anfang dreißig. Gerade deswegen kann er sich dieser Ära des Metal mit Enthusiasmus aber ohne verklärende Nostalgie widmen.

Wolf hat es sich als Erster zur Aufgabe gemacht, einen größeren wissenschaftlichen Überblick über die Metal-Subkultur in der DDR zu erstellen: Wie konnte die Metal-Szene in der DDR überhaupt entstehen? Welche Szenerituale gab es? Welche Bands waren wie aktiv? Wie wurden Einflüsse aus dem Westen aufgenommen und in eigene Hör- und Spielpraktiken überführt? Und wie verhielt sich die Stasi im Umgang mit den jungen Wilden? Dazu forschte er über vier Jahre viel in Archiven und hat alles in Form einer Doktorarbeit mit dem Titel „Heavy Metal in der DDR. Szene, Akteure, Praktiken“ veröffentlicht.

Heavy Metal aus Leidenschaft

Er suchte im Stasi-Archiv in Berlin und im Rundfunk-Archiv in Potsdam. Insgesamt durchforstete er circa 25.000 Blätter an Dokumenten und wertete mehrere Dutzend bestehender Interviews systematisch aus und führte eben so viele neu. Nicht alle sind in seine Dissertation eingeflossen, aber ihre Botschaft schwingt doch immer mit: Man musste kreativ sein in der DDR, wenn man Heavy Metal hören und machen wollte. Und man war oft mit großer Leidenschaft dabei. Denn so schwierig, wie es war, trotz Regulierung und Zensur an Musik zu kommen, so befriedigend war es auch, Artefakte seiner Anstrengungen, z. B. in Form von Platten, Zeitungen, Postern oder T-Shirts sein Eigen zu nennen.

DIY Kassette Metal DDR Wolf Zaddach

selbstbeschriftete Kassette | ©Wolf-Georg Zaddach

„Gerade zu Anfang, als Heavy Metal1983/1984 allmählich ein großes Ding wurde, war er für die Stasi die ‚Waffe des Feindes‘. Er galt als ‚politisch-ideologische Diversion‘, bei der man davon ausging, dass der Westen Heavy Metal einsetzt, um die Jugend zu infiltrieren, gefügig zu machen und dadurch die DDR zu destabilisieren“, fasst Wolf die Haltung des sozialistischen Staates gegenüber dieser neuen Jugendkultur zusammen.

Im Gegensatz zum Punkertum, das bereits früher in der DDR aufkam und zuerst vom MfS observiert worden war und unterdrückt werden sollte, wurde die Metal-Szene zwar streng beobachtet und drangsaliert. Dieses Vorgehen wurde jedoch bereits nach wenigen Jahren aufgelockert, sodass es einige namhafte Bands in der DDR schafften, technisch und textlich einwandfreien Heavy Metal abzuliefern.

Heavy-Metal-Kultur in der DDR

Dafür bekamen sie dann sogar ein eigenes Forum: Ab 1987 gab es eine eigene Radiosendung „Tendenz Hard bis Heavy“ auf dem Sender DT64, einem Jugendprogramm der DDR. Damit wurde dem wachsenden Interesse an Heavy Metal endgültig auch in der DDR Tribut gezollt.

Schon vorher hatte Leo Gehl, auch „Blues-Leo“ genannt , auf Wunsch seiner Hörerinnen und Hörer immer wieder härtere Sachen gespielt. Matthias Hopke und Jens Molle, die beiden Macher der „Tendenz Hard bis Heavy“, machten nach Wolfs Aussage deutlich, dass diese Sendung überhaupt erst aufgrund der hohen Nachfrage entwickelt worden sei.Dutzende dieser Leserbriefe mit Song- und Bandwünschen hätte er im Rundfunk-Archiv in Potsdam gefunden, berichtet Wolf: „Über diese unendlich vielen Leserbriefe an die Radiosendung fand eine Art Szenediskurs statt. Man tauschte sich aus, was Heavy Metal bedeutete. So kam etwa zur Mitte der Achtziger Jahre der Thrash Metal als Genreart hinzu, den viele Fans erst mal nicht als richtigen Metal akzeptierten: Da sind dann Slayer die ‚Milchreisbubis‘. In der Sendung wurde diese Entwicklung besprochen und die Hörerinnen und Hörer schrieben an die Sendung und diskutierten eben mit, über ein Pro und Kontra des Thrash Metals.“

Wolf weist an dieser Stelle darauf hin, dass in der DDR, wie auch im westdeutschen Teil, zunächst Thrash als Trash geschrieben wird. Aber wie sollte man das auch mitbekommen, wenn man so gut wie keinen Zugang zur ausländischen Presse, geschweige denn persönlichen Kontakt hatte? Daher dauerte es etwas, ehe auch in der DDR klar war, dass Thrash Metal eben genauso geschrieben wird und nichts mit „Müll“ zu tun hat.

Wie die Stasi mit dem Metal umging

Bevor es jedoch soweit kommen konnte, gehörte Heavy Metal in der DDR zu jenen Jugendströmungen, die der Stasi missfielen. Am Anfang wurde die Szene stark beobachtet, Inoffizielle Mitarbeiter (kurz IMs) angeworben und Jugendclubs unter Quarantäne gestellt, um die Szene zu zerschlagen oder zu „liquidieren“, wie der Jargon damals war. Jugendclubs wurden dann etwa zum Beispiel „renoviert“, um den Metalfans für ein halbes Jahr den Zugang zu versperren.

Vermerk Ueberwachung und Kontrolle durch MfS Heavy Metal DDR Wolf Zaddach

Protokoll der Stasi über bevorstehendes Treffen von „Punks und Heavy-Metal-Fans“ | ©BStU, MfS, BVHalle-IX-1475_2, mit freundlicher Genehmigung von Wolf-Georg Zaddach

Ab Mitte der Achtziger Jahre interessierte sich dann die DDR-Öffentlichkeit stärker für Heavy Metal: Presse und Forschung wollten wissen, was es damit auf sich hat. In den staatlichen Zeitschriften wurden auf einmal große Artikel über Heavy Metal veröffentlicht, die zwar mit Klischee-Überschriften wie „Im Krieg mit Satan“ titeln, aber die Szene dann doch erklären und dieses Schreckimage aufklären. Das führte 1987 sogar zu der Aussage eines DDR-Kulturfunktionärs, dass Heavy Metal natürlich ein Teil der sozialistischen Musikkultur sei. So gelangte der Heavy Metal in der DDR nach Wolfs Einschätzung über die verschiedenen Phasen von der Ausgrenzung zur Auseinandersetzung bis hin zur Integration in die Öffentlichkeit. Damit war der Metal schließlich als Jugendkultur sogar größer als die Skinhead- oder die Punk-Szene.

Heavy Metal DDR Wolf Zaddach

Bericht über Heavy Metal in der „Neues Leben“ | © BStU, MfS, NeuesLeben_8-85-HMspecial-2, mit freundlicher Genehmigung von Wolf-Georg Zaddach

Ein erster Anfang ist gemacht

Wolf hofft, durch seinen breiten Forschungsansatz einen ersten Einstieg in das Thema „Heavy Metal in der DDR“ geben zu können. Er selbst ist jedenfalls noch lang nicht damit durch. Er will viel mehr Ton- und Bildmaterial sichten, plant einen Bildband für 2019 und träumt heimlich sogar von einer Doku. Er interessiert sich auch für die alten Protokolle der Zulassungsstellen der DDR, die Musikkommissionen, die den Bands die Spielerlaubnis erteilten oder verweigerten. Da gibt es zwar einiges zu Punk und New Wave, aber abgesehen von einzelnen Dokumenten oder Erinnerungen schlummern bislang die Fundstücke zum Heavy Metal noch in den Archiven.

Buchcover

Buchcover „Heavy Metal in der DDR“ | ©Transcript Verlag

Neben den Archivbesuchen und den persönlichen Interviews hat sich Wolf in seiner Arbeit auch auf die Sammlungen von Hendrik Rosenbergs und dessen Fanzine „Eisenblatt“ gestützt. Dieses kultige Fanzine feiert den klassischen DDR-Metal und gräbt selbst in hingebungsvoller Kleinstarbeit Perlen der damaligen Zeit aus und legt sie sogar als angeschlossenes Label neu auf. Das habe Wolf geholfen, ein breiteres Bild von der Entwicklung zu bekommen.

Seinen persönlichen Bezug zieht Wolf aus den Erzählungen seines älteren Bruders. Dieser hörte zu DDR-Zeiten gern und viel Heavy Metal. Dabei handelte es zwar eher um Judas Priest als um die Ost-Berliner Formel 1, aber die Leidenschaft für die Musik übertrug sich auf Wolf. Und wenn der Ältere dann immer erzählte, wie schwer es war, in den Achtzigern an gute Musik zu kommen, hörte der Jüngere zu. Als Wolf dann auf der Suche nach wissenschaftlicher Fachliteratur war, stellte er fest, dass es bis auf die 1990er Publikation „Die Szene von innen“ nur wenige neuere Abhandlungen über Heavy Metal aus dem Osten gab.

„In der DDR beschäftigte man sich schon sehr früh wissenschaftlich mit Heavy Metal, bereits in den Achtzigern. Das war weltweit sehr fortschrittlich. Natürlich war das Interesse des Staates daran gelegen, die Strömung zu erforschen und zu verstehen, aber die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren eher unvoreingenommen. Aber alle Veröffentlichungen, die ich bis dato dazu gefunden hatte, gingen eben nicht sehr in die Tiefe. Also wollte ich das gern machen. Natürlich wusste ich vorher nicht, was ich mir damit für eine Arbeit ans Bein binde.(lacht)

Unterschiede der innerdeutschen Metal-Szenen

Wenn man die beiden deutschen Heavy-Metal-Szenen miteinander vergleichen müsste, welche Unterschiede könnte man ausmachen, frage ich Wolf: „Der größte Unterschied ist der Zugang zu den wichtigen Dingen: Tonträger, Kleidung, Poster und Konzerte. Bis 1990 konnte man keine westdeutsche Band live sehen. Tonträger westlicher Bands konnten nur auf dem Schwarzmarkt erworben werden. Das sorgte gleichzeitig aber auch für eine sehr spezielle Bindung an die Musik, mit hoher Aufopferungsbereitschaft. Auch in Westdeutschland gab es zum Anfang der Achtziger vor allem im Ruhrgebiet so eine Aufbruchsstimmung. Das erlebt man häufig bei neuen Jugendkulturen: Jeder will was machen, alle sind aktiv. Zu der Zeit begannen auch Magazine wie das RockHard. Diese anfängliche Euphorie änderte sich erst, als die Musikindustrie in die Szene kam. Sie brachte natürlich auch eine gewisse Professionalisierung mit sich, was die Szene spaltete. Du konntest Metal dann bereits schon in größeren Ketten ganz normal im Einzelhandel kaufen. Das führte zu einem passiveren Konsum als noch zur gleichen Zeit in der DDR. Hier geschah diese Entwicklung viel verzögerter und der Mangel wurde als so intensiv empfunden, dass die Tonträger noch lange als ‚heilige Artefakte‘ angesehen wurden. Das war etwas ganz Besonderes. Jakob Kranz erzählte, dass man eben auch mal in den sauren Apfel biss, wenn der letzte Depp die geile neue Slayer-Platte hatte. Dann ging man trotzdem mit einer Flasche Schnaps vorbei und wollte mal reinhören.“

Die Schere im Kopf

Thematisch seien die Texte nicht so martialisch gewesen im DDR-Metal, meint Wolf weiter. Da spielte sicherlich auch das Lektorat des DDR-Apparats eine Rolle. So habe der Sänger von Formel 1, Norbert Schmidt, es so beschrieben, dass er bereits beim Schreiben die ‚Schere im Kopf‘ hatte, wenn es um das Schreiben seiner Texte ging. Man zensierte sich also selbst, um unnötigen Stress zu vermeiden.

Erst Ende der Achtziger hätten sich die Bands mehr rausgenommen, englische Texte gesungen mit frecheren Inhalten. So führt Wolf als eine seiner Musikempfehlungen dann auch den Song „Mosh in Moscow“ der Zwickauer Band Moshquito an, den die Band 1987 schrieb. Darin gefiel ihm vor allen Dingen die Kalinka-Melodie neu interpretiert auf der E-Gitarre. Auch die Berliner Band Darkland rechnete auf ihrer EP „40 Years“ u. a. im Song „40 Years For Nothing“ mit der DDR-Regierung ab.

Heavy Metal show DDR Berlin Wolf Zaddach

Konzert in Berlin 1989 | ©Jörg Ebert

Die musikalische Qualität

Wolf, der selbst Jazzgitarre studiert hat, lobt die handwerklichen Fähigkeiten der DDR-Musikerinnen und -Musiker: „Das lag auch an der Ausbildung der Musiker in der DDR. Um als Band die Spielerlaubnis zu bekommen – auch Musikerpappe genannt – bewertete die Kommission auch das Handwerkliche. Wenn Bands nicht gut genug waren, wurden sie auch abgelehnt. Somit war es gleichzeitig ein Zensur- als auch ein Qualitätsinstrument. In der BRD ist das nicht immer so, wenn man jetzt mal an frühe Sodom oder so denkt. Das ist eher Punk.

Ich sage gern mit einem Augenzwinkern, dass man den Unterschied nicht merken würde, wenn man Bruce Dickinson auf die Musik von Formel 1 singen ließe. Das waren 1A-Songs von Iron Maiden: Breaks, Riff- und Soundgestaltung und Songarrangement waren ziemlich gleich. Es war ein Anspruch der DDR-Bands, so gut zu sein wie die Vorbilder. Sie eigneten sich auch schnell neue Spieltechniken an, Blastbeats an den Drums etwa.“

Natürlich hatten die DDR-Bands nicht die gleichen Möglichkeiten bei der Soundgestaltung, da es kaum äquivalentes Equipment gab, etwa Effektgeräte mit einer ordentlichen Verzerrung.

„Ich habe viel Respekt vor den Künstlern, die die Metal-Szene der DDR geprägt und einfach viel gemacht und erlebt haben. Viele sind auch immer noch dabei und sind immer noch ein Teil der Szene. Das ist dann ein richtiger Lebensinhalt“, resümiert Wolf seinen Eindruck der DDR-Metalheads.

Hörempfehlungen

Wer neben den genannten Bands weitere Empfehlungen für einige Highlights des Heavy Metals aus der DDR sucht, findet hier Wolfs Liste:

„Prinz/Blitzz mit „Tarantella“, der absolut abgeht. Dann Moshquito mit dem frechen „Mosh in Moscow“ mit der Kalinka-Melodie auf den Gitarren. Darkland mit „40 Years For Nothing“, da diese schon in Richtung Death Metal gehen. Die Hymne schlechthin wäre „Metall“ von Biest. Im Chorus heißt es; „Ich bin geil, ich bin geil, auf Heavy Metal!“. Auch die Formel-1-Tracks finde ich sehr witzig und überzeugend mit ihrem Berliner Dialekt und dem Iron-Maiden-Sound. Rochus‘ Song „Let’s Thrash“ finde ich auch super.“


Wer mehr über Wolfs Arbeit erfahren will, sollte sich am besten seine Doktorarbeit zulegen. Über seine wissenschaftlichen und musikalischen Tätigkeiten kann man sich zudem auf seinen Homepages www.wolf-georgzaddach.com und www.zaddachmusic.com informieren.

Mehr Infos zum Heavy Metal der DDR bekommt man im erwähnten „Eisenblatt“ von Hendrik Rosenberg, von dem mittlerweile viele der ersten Ausgaben vergriffen sind, die er aber großzügigerweise als PDF zur Verfügung stellt.

Titelbild: ©BStU, MfS, BV-Bln-Abt-XX-3111-Blatt-0138_BerlinerFangruppe, mit freundlicher Genehmigung von Wolf-Georg Zaddach

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